Warum Clubhouse kein Problem löst aber dafür viele schafft

(Dieser Text ist Teil einiger kleiner, unredigierter Texte zu meinen Erfahrungen in der Corona-Krise. Tippfehler bitte ich zu entschuldigen)

Lockdown. Es könnte eine Zeit sein, in der man Bücher liest, nachdenkt, zur Ruhe kommt. Am Anfang des ersten Lockdowns dachte ich dieser könnte ein Sabbatical für die Gesellschaft werden. Vielleicht ist so ein Lockdown ja auch eine Chance mal einiges zu hinterfragen.

Heute sitze ich mehr denn je zu Hause. Gemessen an „normalen“ Zeiten habe ich weniger Termine in meinem Kalender. Doch zur Ruhe kommen ist ehrlich gesagt nicht möglich. Der Mangel an realer Kommunikation zieht mich zunehmend in die digitale Kommunikation hinein, Twitter, Instagram und seit einer Woche das hippe Clubhouse. Während ich diesen Text schreibe gehe ich mehrmals zurück zu Twitter, um zu schauen was dort geschrieben wurde. Es geht nicht mehr anders. Je mehr Zeit ich im Internet verbringe desto leerer fühle ich mich, desto mehr geht meine Konzentrationsfähigkeit verloren. Ich habe nie weniger über diese Gesellschaft nachgedacht als derzeit.

Die Kommunikation im Digitalen ist ein Kampf. Ein steter Kampf um Aufmerksamkeit und Relevanz. Wer nicht vorkommt ist nicht relevant. Wer nicht wahrgenommen wird der ist nichts wert. Wer sich an Debatten nicht beteiligt, einen Moment nachdenkt, der kommt nicht vor. Der Like Button ist zum neuen Symbol des eigenen Wertes geworden. Dabei stellen die sozialen Netzwerke das „ich“ ins Zentrum unseres Denkens. Alles ist damit persönlich.

Viele sehen mit Clubhouse nun eine neue Revolution der Kommunikation herbeiziehen. Man kann Thomas Gottschalk zuhören. Oder Sascha Lobo der sich mit Sophia Thomalla unterhält. Auf dem nächsten Kanal kann man über einen neuen Führungsstil in der Politik debattieren. Auf einmal lässt es sich ganz einfach mit allen möglichen Leuten debattieren und streiten. Es sind genau die gleichen Sätze mit denen wir vor mehr als zehn Jahren mit den sozialen Netzwerken angefangen haben. Wir scheinen aber nichts gelernt zu haben. Wirklich gar nichts. Dabei verstärkt Clubhouse die Effekte der sozialen Netzwerke noch einmal zusätzlich. Bei einem Gespräch bekommt man sekundengenau die Zuschauerzahl angezeigt. Wer nicht performed der verliert, in Sekundenschnelle. Dabei spielt uns das Netzwerk die Illusion einer privaten Konversation vor. Das Gegenteil ist es aber. Mehr denn je geht es bei dem Netzwerk um Reichweite. Durch „Invitation Only“ und „iPhone Only“ ist das Netzwerk exkludierender als alle bisherigen Netzwerke. Eine Debatte vor Publikum, nur über die Tonspur, ist für viele Menschen eine zusätzliche unüberwindbare Hürde.

Seit gestern wird intensiv über einen Auftritt von Bodo Ramelow diskutiert. Ehrlich gesagt eine Nebensächlichkeit. Doch die Menschen diskutieren immer weiter. Es werden die immer gleichen Argumente ausgetauscht. Die Relevanz der Debatte ergibt sich allein aus der Zahl der Zuhörer*innen. Es ist ermüdend, es ist unzufriedenstellend. Nach jeder Diskussion herrscht bei mir eine innere Leere. Das Netzwerk gaukelt einem eine Nähe vor, die es dann nicht liefern kann. Doch die Sucht nach neuer Nähe führt einen wieder zurück zu Clubhouse. Vielleicht ist das alles nicht gesund für uns. Und vielleicht ist es auch nicht gesund für unsere Demokratie.

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