Braucht es die SPD noch?

Am 27. November war ich bei der SPD Remscheid eingeladen eine Rede zur Zukunft der SPD zu halten. Diese wurde mit dem Text hier in vereinfachter Form und sicherlich mit einigen „ehms“ gehalten.

Liebe Genossinnen, liebe Genossen,

in diesen spannenden Tagen und Wochen brennt es uns allen natürlich unter den Nägeln über die Abstimmung über den Parteivorsitz zu diskutieren, über den Parteitag und die Fortführung oder die Beendigung der Großen Koalition. Darüber will ich heute aber nicht sprechen. Auf langfristige Sicht sind das keine entscheidenden Fragen für die Zukunft der SPD. Die Fragen, die ich mir heute mit euch stellen will, sind größere. Es soll heute darum gehen ob die Sozialdemokratie noch gebraucht wird, ob wir diese Partei wegen der Erfüllung ihrer historischen Aufgabe vielleicht einfach schließen sollten. Es soll darum gehen wie sich die Gesellschaft verändert hat und was das für die Sozialdemokratie bedeutet.

Dieser Abend trägt den selbstbewussten Titel „Welche SPD braucht es für die Zukunft?“. Diese Frage ist mir noch nicht grundsätzlich genug. Braucht es noch eine SPD? das ist die allererste Frage, die man sich stellen muss. Nach über 150 Jahren Existenz könnte man ja auch sagen, dass es die Sozialdemokratie nicht mehr braucht. Bei der Frage der weiteren Existenzberechtigung stoßen wir auf die große Paradoxie der derzeitigen Situation der Sozialdemokratie. Noch nie wurden die sozialdemokratischen Antworten in der Gesellschaft so gebraucht wie heute, noch nie war die Akzeptanz für sozialdemokratische Antworten so groß wie heute. Und noch nie waren die Wahlergebnisse der Partei so niedrig wie jetzt. Dabei stehen wir in Deutschland noch halbwegs glimpflich da. In Frankreich existiert die Parti Socialiste quasi nicht mehr. In Großbritannien sehen wir gerade, dass die Labour Party kaum eine Chance gegen Johnson hat und in Osteuropa kann oft gar nicht mehr von einer existenten Sozialdemokratie gesprochen werden. Aber, das gehört zum Gesamtbild dazu: in einigen südeuropäischen Ländern gibt es auch Hoffnungsschimmer. Allerdings zeigt sich international: die Sozialdemokratie ist anders als in den 70er Jahren keine feste politische Größe mehr. Die Existenz einer starken sozialdemokratischen Partei ist keine Voraussetzung der europäischen Demokratie mehr.

Ich will mal versuchen dieser Paradoxie nachzugehen. Ich glaube die SPD ist heute angegriffen, weil der Partei einige Grundpfeiler weggebrochen sind und wir darauf noch keine Antwort gegeben haben:

Erstens: Das Prinzip der Volkspartei steht heute mehr denn je auf dem Prüfstand. Das sieht man bei der SPD schon länger aber gerade können wir es auch auf sehr eindrückliche Weise bei der CDU beobachten. Die jungen Menschen sind heute politischer denn je, das zeigen uns alle Studien. Sie wollen sich politisch engagieren und einmischen. Aber sie finden den Weg nicht in die Parteien und schon gar nicht in die Volksparteien. Das sollte uns zu denken geben. Mit der Wahl von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten sind viele junge Menschen bei mir in den Ortsverein gekommen. Sie kommen regelmäßig zu Sitzungen und arbeiten in Projekten mit. Vor einiger Zeit habe ich diese Leute gefragt ob sie das Gefühl haben mit ihrer Mitgliedschaft und ihrem Engagement einen Unterschied gemacht zu haben. Alle haben dies verneint. Das ist ein schlimmer Befund für die SPD und die Demokratie. Diese Menschen haben alles gemacht was man so sagt was man machen soll – sie sind Mitglied einer Partei geworden und kommen regelmäßig zu Sitzungen. Trotz alledem fühlen sie sich nicht gehört oder wahrgenommen.

Der Wunsch nach Partizipation war immer da und ist es auch heute noch. Nur der Begriff der Partizipation hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten immer wieder gewandelt. Wir müssen hier zwischen drei Phasen unterscheiden:

  1. Die Phase der Volksparteien

In den 60-70er Jahren sind die Menschen oft, geprägt durch ihr Milieu, in Parteien gegangen. Diese Parteien haben die Menschen geschult und sie verändert. Man ging als Individuum in eine Partei und kam als Genosse wieder heraus. Die Partizipation vollzog sich in der Gruppe. Man formte eine Schicksalsgemeinschaft. 

  • Phase der Individualität

In den 80-90er Jahren wiederum folgte die Phase der Individualität. Die Menschen haben sich einen wichtigen Aspekt ihrer Identität herausgenommen wie z.B. das Geschlecht oder die Sexualität und haben für die Anerkennung und die Rechte dieser gekämpft. Die Parteien formten viel weniger die Mitglieder, sondern sollten die Menschen vor allem in ihrer Identität anerkennen. Es ist kein Zufall, dass in diese Phase eine lange rot-grüne Regierung fällt und es der große Aufschwung der NGOs darstellt die dieses Bedürfnis viel besser bedienen konnten als Parteien, vor allem als die Volksparteien.

  • Phase des Temporären

Heute leben wir in der Phase des Temporären. Die wichtigste Währung die Parteien bedienen müssen ist das wahrgenommen werden. Dies kann in zwei unterschiedlichen Richtungen erfolgen. Einmal wollen die Menschen in Parteien heute wirklich mitentscheiden. Bei Jeremy Corbyn und Labour haben wir gesehen wie viele Menschen in die Partei geströmt sind als die innerparteiliche Partizipation ausgebaut wurde. Auf der anderen Seite sehen wir aber bei Sebastian Kurz und der ÖVP oder bei Emmanuel Macron, dass das Bedürfnis einfach nur noch „Fan“ sein zu dürfen anscheinend parallel auch größer wird. Wir wollen Menschen zu denen wir hochschauen und denen wir die Politik anvertrauen können. Gemein ist beiden Wegen, dass die Menschen wahrgenommen werden wollen. Sie wollen Teilhabe an der Politik erfahren. Gerade erleben wir ja, dass junge Menschen vor allem für Umweltschutz auf die Straße gehen. Fridays for Future ist ein perfektes Beispiel dafür wie junge Menschen sich wahrgenommen fühlen wollen. Doch hier sieht man auch die Ambivalenz des neuen Engagements immer stärker: Das Ausgleichende der Volksparteien wird immer weniger gefragt.

Ich war lange Zeit der Meinung, dass wir unsere Strukturen offener und partizipativer gestalten müssten und unsere Probleme wären gelöst. Ich habe auf Parteitagen unzählige Anträge geschrieben für eine Öffnung der Strukturen, für mehr direkte Demokratie der Mitglieder. Ich habe bei SPD++ mitgemacht weil ich dachte modernere Strukturen wären die richtige Antwort auf die Probleme der SPD im 21. Jahrhundert. Doch das ist mitnichten so. Wir arbeiten seit 1998 an einer neuen sozialdemokratischen Erzählung, wir arbeiten daran wofür unsere Partei eigentlich steht. Was ist der eine Satz den alle mit uns heute verbinden sollen. Doch wie sollen wir bei einer immer weiter ausindividualisierten Partizipation diese Erzählung finden? Die derzeitige Parteiwahl, über die ich ja eigentlich nicht reden wollte, ist dafür ein guter Beleg. 

Wir brauchen daher wieder neue politische Diskursräume. Für mich sind das inzwischen ganz klar die alten, nämlich die Volksparteien und die Ortsvereine. So anstrengend und angestaubt so ein Ortsverein vielleicht auch sein mag, er ist ein Ort, an dem ich mich mit unterschiedlichen Menschen treffe, ein Ort, an dem ich mich mit anderen Menschen auseinandersetzen muss und an dem ich nachdenken muss. Hier muss ich Kompromisse schließen, auf andere zugehen und eine Sprache sprechen, die nicht verletzend ist. Im Ortsverein kann man lernen, wie Demokratie funktioniert. Der Ortsverein kann daher zum neuen Symbol gegen den kaputten politischen Diskurs werden und zum Symbol gegen die politische Segmentierung.

Der Ortsverein ist allzu oft männlich, politisch entkernt und hat seine Arbeitsweise seit den 70er-Jahren nicht mehr verändert. Aber warum kombinieren wir nicht das Gute aus dem Internet – wie die situative Zusammenarbeit, die Hierarchielosigkeit und die ortsungebundene Mitarbeit mit dem Guten aus dem Ortsverein? Es hält uns doch niemand davon ab, den Ortsverein neu zu erfinden. Seit einigen Jahren führt der Zeit Verlag sehr erfolgreich das Projekt Deutschland spricht durch. Hier treffen sich Leute, die sich möglichst fremd sind, um unterschiedliche Themen miteinander zu diskutieren. Gerade versucht das Kreuzberger Kondom Start-Up Einhorn das Berliner Olympiastadion zur größten Bürger*innenversammlung der Welt vollzubekommen. In den SPD Ortsvereinen gibt es jeden Tag große Bürger*innenversammlungen, es findet jeden Tag im Kleinen „Deutschland spricht“ statt. Das Prinzip Ortsverein ist aktueller denn je. Es liegt jetzt an uns den Ortsverein neu zu erfinden.

Die SPD ist neben einer Volkspartei, eine Partei der kollektiven Antworten. Doch wir konnten in den letzten Jahrzehnten eine nie dagewesene Individualisierung der Gesellschaft beobachten. Sozialer Abstieg wird heute kaum mehr innerhalb von gesellschaftlichen und strukturellen Zusammenhängen gesucht, sondern als individuelle Fehlleistung betrachtet. Die sozialdemokratische offene Wunde der Hartz 4 Reformen steht symptomatisch für diesen gesellschaftlichen Sinneswandel. Schwere Zeiten für eine Partei der einst kollektiven Antworten.

Besonders deutlich wird das Problem beim Thema Umweltschutz. Ein Thema das die SPD nicht nur verschlafen hat sondern es bis heute nicht geschafft hat dazu eine sozialdemokratische Position zu erarbeiten. Heutzutage werden im gesellschaftlichen Bild vor allem die ärmeren Schichten für die Umweltverschmutzung verantwortlich gemacht. Doch in Wahrheit sind es die Konsumgewohnheiten der Reichen (Vielfliegen, große Autos, großen Wohnraum und so weiter) unter denen die Ärmeren zu leiden haben. In der Bundesrepublik produziert das obere Einkommenszehntel im Vergleich zum unteren Zehntel die dreifache Menge an CO₂. Geld bedeutet de facto heute mehr von der Natur verbrauchen zu dürfen.

Schaut man sich nun das Klimapaket an, dann profitieren davon Menschen mit hohem Einkommen. Eine CO2 Steuer hält Gutverdiener nicht vom Fliegen ab. Im Zweifel fliegen sie noch mit einem guten Gewissen, weil sie ja ihren CO2 Ausstoß ausgleichen. Im Klimapaket gibt es eine höhere Pendlerpauschale, von der die ärmeren Leute wenig haben, da sie kaum Steuern bezahlen. Es gibt Subventionen für Elektroautos. Doch diese sind selbst mit Prämie für die meisten unerschwinglich. Es gibt Prämien für neue moderne Heizungen. Doch wer ist denn heutzutage als Geringverdiener*innen noch Hausbesitzer? Wir haben also eine Situation, dass Reiche auf Kosten der Ärmeren leben. Die Ärmeren in der Gesellschaft oft für das Verhalten der Reicheren an den Pranger gestellt werden. Und die Ärmeren sind, die die den Umweltschäden am ungeschützten ausgesetzt sind. Ehrlich gesagt wundert es mich da nicht, dass Umweltpolitik bislang ein Thema der Grünen geblieben ist.

Wir haben heute noch die weitere Situation, dass umweltbewusster Konsum oft dazu benutzt wird sich von der ärmeren Bevölkerung abzusetzen. Früher hat man sich teure Kleidung gekauft. Dann kam der Massenkonsum, und das teure Kleid konnte sich dann jeder bei H&M kaufen. Heute leben wir in einer neuen Situation, dass sich Schichten nicht nur über Geld definieren, sondern vor allem über Kultur, in der Gesellschaft geht es oft darum kulturelles Kapital aufzubauen. Mit dem Einkaufen von oft teuren, umweltbewussten Produkten zeigen wir die Zugehörigkeit zu einer höheren Gesellschaftsschicht. Wir setzen uns vom Massenkonsum ab, weil das ja jetzt alle haben und gehen in die andere Richtung, um kulturelles Kapital einzusammeln. Das Thema Umweltschutz bleibt also auf allen Ebenen ein Thema für die Reicheren. Und es bleibt weiterhin eine individuelle Entscheidung. Die Privatisierung eines so großen Problems wie dem des Klimawandels führt am Ende automatisch dazu, dass es zu einer Stilfrage wird. Es geht dann beim Umweltbewusstsein am Ende um eine ästhetische Frage.

Die SPD müsste jetzt den Gedanken wagen, dass Ungleichheit und Umweltzerstörung einander bedingen und entsprechend gemeinsam zu bekämpfen sind. Doch derzeit sind wir ja noch dabei das Soziale und das Ökologische gegeneinander auszuspielen. Dabei gehören beide zusammen, sie sind nicht voneinander trennbar. Es wäre jetzt die historische Aufgabe der SPD eine linke Umweltpolitik zu definieren. Hier ergibt sich ein Klassenkonflikt wie er klarer nicht sein könnte. Und die ärmeren Menschen stehen derzeit trotz der SPD ohne Anwalt und politische Vertretung dar. 

Neben dem Angriff auf das Prinzip Volkspartei und der Individualisierung der Gesellschaft erleben wir in den zurückliegenden 20 Jahren zusätzlich wie die Digitalisierung unsere Grundwerte immer weiter in Frage stellt. Wenn man sich die Grundwerte der Sozialdemokratie und die Entwicklungen der Digitalisierung nebeneinanderlegt, dann erkennt man schnell, dass diese größtenteils konträre Grundannahmen unterliegen. Die Digitalisierung wie wir sie in Europa kennen, wird vor allem aus den USA, genauer gesagt aus dem Silicon Valley heraus gestaltet. Dem Kern der Silicon Valley Digitalisierung liegt eine Staatsferne bis hin zu einem Technikabsolutismus zu Grunde. San Francisco war nicht per Zufall in den 60er Jahren das Epizentrum der Hippie Bewegung, die durch eine Skepsis gegenüber staatlichen Eingriffen geprägt war. Diese Skepsis gegenüber staatlichen Autoritäten blieb, als schon längst die Technologie die Region um San Francisco wirtschaftlich beherrschte. Diese Skepsis gegenüber dem Staat ist bis heute tief in den Technologiecommunities verwurzelt. Mit Edward Snowden und Julian Assange werden Figuren bewundert, die sich gegen den Staat aufgelehnt haben. Mit Bitcoin gibt es den Versuch eine Währung außerhalb des Zugriffs der Zentralbanken zu etablieren. Was im ersten Moment wie der sympathische Versuch aussieht sich aus dem Würgegriff der staatlichen Überwachung zu entziehen wird von den großen amerikanischen Konzernen wiederum für ihre Zwecke missbraucht. Der kalifornische Freiheitsimpetus wird heute vor allem dafür genutzt zu verhindern, dass die Digitalisierung zum Nutzen der Gesellschaft reguliert werden kann. 

Neben der fehlenden Regulierung und der damit einhergehenden Monopolbildung hat die Digitalisierung die Individualisierungstendenzen, die es in der Gesellschaft bereits gab, noch einmal deutlich beschleunigt. Wir leben in einer Epoche, in der jeder im Internet zur eigenen Marke geworden ist. Der Like bei Facebook oder die Anzahl der Herzen bei Instagram geben uns täglich Auskunft darüber wie viel wir im Internet wert sind. Parallel dazu, haben die sozialen Netzwerke noch einmal eigene und neue Dynamiken entwickelt. Die algorithmische Sortierung von Inhalten, die vor allem auf Interaktion basiert, ist eine Aufforderung zum Extremismus. Schrille und extreme Meinungen, die oftmals viel Widerspruch und Zustimmung erhalten, werden mit Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken belohnt. Nachdenkliche, besonnene, abwägende Gedanken haben im Jahr 2019 im Internet keinen Platz mehr. Dabei wären es gerade solche Gedanken, die unsere aufgewühlte Demokratie heute bräuchte. Die Architektur der sozialen Netzwerke drängt aber den politischen Rand in die Mitte der Debatte. Für unsere Demokratie ist das ein gefährlicher Zustand.

Die gesellschaftlichen Entwicklungen, die in den letzten 20 Jahren durch die Digitalisierung hervorgerufen wurden, sind weit von den sozialdemokratischen Grundwerten „Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität“ entfernt. Durch ein, in ganz Europa, versäumtes politisches Handeln haben wir es zugelassen, dass sich ein amerikanisches und ein chinesisches Internet entwickelt hat. Ein amerikanisches das vor allem der Überwachung und der Unterhaltung dient und ein chinesisches das in Gänze der Überwachung dient. Wir haben es versäumt die europäischen Werte zu fördern und im Internet zu gestalten. Die Sozialdemokratie hat hier, eine einmalige Chance die Werte und die Versprechen der Partei im Internet zu erneuern, nicht genutzt. 

Der Weg zur Beendigung der Krise der Sozialdemokratie führt meiner Ansicht nach nur über eine aktive Gestaltung des digitalen Raums. Erstens muss die Rolle des Staates im Internet als Schutzrolle verstanden werden. Derzeit ist der Staat auf der einen Seite dafür verantwortlich unseren Datenschutz, auch gegenüber Konzernen, durchzusetzen. Die Datenschutzgrundverordnung hat anschaulich aufgezeigt wie wirkmächtig der Staat auch gegenüber weltweiten Konzernen sein kann. Auf der anderen Seite wurde seit 2001 die Durchsetzungsmöglichkeiten des Staates gegenüber den Bürgern immer weiter ausgebaut. Leider war hier die Sozialdemokratie, man erinnere sich nur an den ehemaligen Innenminister Otto Schily, nicht unbeteiligt. 

Zweitens muss die Sozialdemokratie die extreme wirtschaftliche Macht von nur wenigen Konzernen klar brechen. Wir erleben derzeit die einmalige Situation, dass die großen amerikanischen Datenkonzerne einen unglaublichen Reichtum, den Zugang zur Presse, die Gestaltung der Debattenräume und eine erschreckende Erkenntnis über unsere Leben vereinen. Mit einer sozialen Marktwirtschaft hat diese Situation nur noch wenig zu tun. Es wird daher Zeit Facebook und andere Datenkonzerne endlich zu zerschlagen. Es wird Zeit endlich die Digitalsteuer, im Notfall, auch auf nationaler Ebene einzuführen.

Drittens brauchen wir im Internet einen neuen, einen reflektierten Kapitalismus. Wir haben die Digitalisierung auf Autopiloten geschaltet und gehofft, dass es schon irgendwie gut gehen wird. Das müssen wir ändern. Wir brauchen wieder eine klassische Technikfolgenabschätzung. Wir brauchen ethische Standard an Hand dessen sich die Programmierer und Technologieunternehmen orientieren können. Wir brauchen eine Entschleunigung der technischen Entwicklung.

Von vielen unbemerkt und von uns unreguliert sind wir nach dem Zeitalter des Neoliberalismus in das Zeitalter der digitalen Plattformen übergegangen. Dabei kommt die neue Wirtschaftsform dem der Finanzindustrie erschreckend nahe. Im Digitalen Zeitalter der Plattformen sind der Markt und das Unternehmen oft identisch. Nehmen wir das Beispiel von Amazon. Hier werden die Kund*innen systematisch an proprietäre Märkte gebunden. Damit werden die Unternehmen selber zu den Märkten. Dabei war der Grundgedanke des Neoliberalismus die Unabhängigkeit der Märkte. Doch es hat sich noch etwas Zentrales für die Sozialdemokratie verändert. Während es im Fordismus um die Effizienz der Nutzung von Arbeitskraft ging geht es in der digitalen Wirtschaft um die Aneignung von Marktbesitz. Die digitalen Märkte sind damit eine frühkapitalistische Idee bei der der Staat der große Verlierer ist. Wenn der Neoliberalismus die Eroberung immer neuer Felder durch den Markt ist, dann ist der digitale Kapitalismus die Eroberung des Marktes selbst durch eine kleine Zahl privatwirtschaftlicher Unternehmen. Hier müssen wir endlich eingreifen.

Viertens müssen wir dafür sorgen, dass neue Öffentlichkeiten im Internet entstehen, indem wir öffentlich-rechtliche Systeme auch im Internet fördern. Systeme wie Facebook, die darauf aus sind möglichst viel Geld mit Nutzer*innen zu verdienen und uns möglichst lückenlos zu überwachen haben in den zurückliegenden 15 Jahren eindrucksvoll gezeigt wie schädlich diese für eine Demokratie sein können, wie sehr sie mittlerweile in die politische Willensbildung eingreifen können. Daher brauchen wir Systeme, die wirklich offen sind und die einen Diskurs und eine neue Öffentlichkeit zulassen. Warum nehmen wir nicht beispielsweise das Geld, das die Digitalsteuer bringen würde und stecken sie in solche Projekte. Es wäre gut investiertes Geld.

Im Kern steuern alle drei Probleme der Sozialdemokratie die Frage nach der Zukunft der Volkspartei, die Individualisierung der Gesellschaft und die Gestaltung der Digitalisierung auf die Frage hinaus: wollen wir gesellschaftlich individuelle oder kollektive Antworten geben? Die Debatte zwischen kollektiven und individuellen Antworten begleitet die Sozialdemokratie bereits seit ihrer Gründung. Während sie heute dem gesellschaftlichen Individualismus frönt, setzte die Partei früher vor allem auf einen Kollektivismus. Die Partei gab im Jahr 1959 mit dem Godesberger Programm bis heute wegweisende Antworten auf diese Frage.

Der österreichische Ökonom Nikolaus Kowall arbeitet aus dem Godesberger Programm vier Richtlinien heraus. Erstens: Privateigentum ist erlaubt, aber eine Vermögenskonzentration gilt es zu verhindern. Zweitens muss Privateigentum durch öffentliche Beteiligung und Mitbestimmung eingehegt werden. Drittens soll die Wirtschaft ein Hybrid aus privater und öffentlicher Wirtschaft sein. Viertens bekennt sich die Sozialdemokratie zur Marktwirtschaft – aber nur mit dem Primat der Politik. Diese vier Grundsätze gilt es heute ins 21. Jahrhundert zu übertragen.

Nehmen wir das Beispiel der Sozialsysteme. In den letzten Jahrzehnten sind die Systeme immer weiter hin zur individuellen Verantwortung umgebaut worden. Das Hartz-IV-Mantra „fördern und fordern“ steht beispielhaft für diesen Umschwung. Der berufliche Erfolg ist mittlerweile zu einer gesellschaftlichen Wertigkeitsprüfung avanciert. Die Datensammlung unserer Handys und smarten Uhren drohen nun selbst die letzten kollektiven Absicherungen wie die universelle Krankenversicherung aufzuweichen und in letzter Konsequenz aufzulösen. Ein neuer Kollektivismus würde dieser Individualisierungstendenz das Grundeinkommen entgegenstellen. Ein Grundeinkommen wäre eine adäquate kollektive Lösung für die zunehmende Privatisierung des sozialen Abstiegs.

Nehmen wir das Beispiel des Fliegens. Kein anderes Transportmittel hat einen vergleichbar hohen CO2-Fußabdruck und steht so deutlich für die Individualisierung und für die Spaltung der Gesellschaft. Während viele Geringverdiener nie ein Flugzeug von innen sehen, jetten die Individualisten um die Welt, auf der Suche nach der eigenen Einzigartigkeit. Die langfristigen Folgen des Fliegens spüren aber andere zuerst. Viele aktuelle Klimaschutz-Ideen würden vor allem den ärmeren Teil der Bevölkerung belasten. Ein CO2-Preis schränkt ihre bereits geringe Mobilität weiter ein. Warum verteilen wir nicht Kontingente an Kilometern, die jede Person verfliegen darf? Wir starten mit einer recht hohen Anzahl an Kilometern und reduzieren diese dann langsam und stetig. Es wäre eine kollektive Idee für den Klimaschutz.

Eine Gemeinsamkeit haben alle Forderungen: Sie laufen auf eine Abkehr vom über allem stehenden Ziel des Wirtschaftswachstums hinaus. Es bedarf jetzt einer linken Volkspartei mit einem neuen Konzept für die Moderne. Einer Partei, die schon einmal gezeigt hat, dass die Moderne allen Menschen zugutekommen kann. Einer Partei, die radikale Lösungen findet für eine Gesellschaft, die gerade einen radikalen Wandel durchmacht. Einer, die wieder einen neuen gesellschaftlichen Kollektivismus etabliert. Vielleicht kann diese Partei ja die gute alte deutsche Sozialdemokratie sein. Vielleicht ist das ja die Erzählung der Sozialdemokratie im 21. Jahrhundert.

Ich hoffe ich konnte die Paradoxie der derzeitigen Situation der SPD auflösen. Vielen Dank.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.